Bioinformatik Blog


Studium in Absurdistan


Die Redaktion von Spiegel ONLINE hat am 20.11.2006 eine Aktion mit dem Titel “Studium in Absurdistan” gestartet, die am Ende einen Überblick über den Zustand an deutschen Universitäten geben soll. Das ganze ist im Hinblick auf die anstehende Einführung von Studiengebühren so aufgezogen, dass erst einmal Erfahrungsberichte gesammelt werden, die dann teilweise veröffentlich werden sollen. Wer die Einträge hier im Blog ein wenig verfolgt, wird sicher schnell bemerken, dass diese Aktion förmlich danach schreit, dass ein Bericht über das Bioinformatik-Bachelor-Chaos eingeschickt wird. Genau das habe ich getan.

Es ist nicht so sonderlich einfach ruhig zu bleiben, wenn man versucht zu reflektieren, was im Laufe der vergangenen zweieinhalb Semester so alles passiert ist. Der Text klingt daher teilweise etwas aggressiver als er gemeint ist, da er grundsätzlich objektiv sein soll. Irgendwie schwingen aber einfach doch immer ein paar Emotionen mit. Aus diesem Grund habe ich absichtlich darauf verzichtet irgendwelche genauen Details wie beispielsweise Namen zu nennen. Aber macht euch einfach selber ein Bild. Der Text ist weiter unten in diesem Artikel zu finden. Wem das hier zu unübersichtlich ist, der kann auch auf die PDF zurückgreifen, die vielleicht etwas augenfreundlicher (oder auch druckerfreundlicher) ist.

Das Bioinformatik-Bachelor-Chaos

“Studiengebühren” – Dieser Begriff dominiert seit geraumer Zeit die Titelseiten studentischer Zeitungen, Internetseiten der Studentenvertretungen und ist auch häufig Thema beim gemütlichen Gespräch auf dem Campus. Es kursieren verschiedene Meinungen darüber was mit den zusätzlichen Einnahmen für die Universitäten anders werden sollte. Ein Punkt ist jedoch sofort klar: Die Beseitigung des organisatorischen Chaos’ sollte das Minimum an Verbesserungen sein, die sofort eintreten, wenn alle Studenten für ihr Studium zahlen sollen. Und wie dieses Chaos aussieht, weiß mindestens jeder Student der Bioinformatik des Jahrgangs 2005 an der Eberhard-Karls-Universität Tübingen.

Erste Anzeichen für die mangelnde Organisation des neuen Bachelor-Studiengangs zeigten sich schon zu Anfang des ersten Semesters: Der Informatik-Professor verkündet in der Einführungsveranstaltung, dass alles relevante zum Bioinformatik-Studium im zugehörigen Modulhandbuch steht. Das einzige Problem an der Sache: Dieses Buch ist nicht fertig, sondern steht nur in einer ganz groben Entwurfsfassung im Internet. (Daran hat sich bis zum jetzigen Zeitpunkt auch nichts verändert.) Das hoch gelobte Bachelor-System, in dem die Studenten dank modularem Aufbau viele Entscheidungsfreiheiten haben und sich ihr Studium selbst zusammenstellen können ohne den Wert des Abschlusses zu verändern, wird völlig demontiert und alle Studenten sitzen wieder in den gleichen Vorlesungen, da sie sich an eine vorläufige Studienempfehlung halten, die einen Vorlesungsplan vorgibt. Jeder, der sich nicht daran hält, riskiert mehr oder weniger, dass er am Ende nicht die richtigen Veranstaltungen besucht hat. Also doch keine freie Auswahl zwischen Vorlesungen und Seminaren.

Aber im Vergleich zu den kommenden Semestern war das erste Semester sehr harmlos. Zu Beginn des Sommersemesters 2006 standen alle Bioinformatiker vor der Frage “Müssen wir nun Biochemie hören oder nicht?”. Es hat eine ganze Weile gedauert und letztendlich konnte in Zusammenarbeit mit dem Prüfungssekretariat und einem engagierten Professor die Antwort verkündet werden: Die Prüfung ist vorraussichtlich nach dem 4. Semester. Die Vorlesung haben dann die meisten wieder aus dem Plan geworfen und für das 4. Semester vorgemerkt.
Doch damit noch nicht genug des Chaos: Nach Aussage der Fakultät erfordert das Bachelor-Studium, dass sich alle Studenten zu Beginn des Semesters verbindlich für alle Veranstaltungen anmelden, die sie besuchen und am Ende prüfen lassen wollen. Der Haken an der ganzen Angelegenheit: Das Online-System zur Anmeldung ist nicht rechtzeitig fertig geworden. Folglich wurde eine Tabelle verteilt, die zur schriftlichen Anmeldung beim Prüfungssekretariat verwendet werden soll. Der ganze Vorgang sollte absolut einmalig sein. Leider war niemandem klar, was in die Spalten “Modul” und “LP” (Lernpunkte) einzutragen war, da es ja kein Modulhandbuch gibt, in dem das nachzulesen gewesen wäre. Vier Wochen waren Zeit, um den Plan auszufüllen und abzugeben. Während dieser Zeit wurde das Prüfungssekretariat und nachher auch wieder der Professor belagert, damit irgendwann die Chance bestand, dass alle Informationen zusammengetragen sind. In dieser Phase haben die Antworten des Prüfungssekretariats oft einige Tage gedauert, da die Sekretärin sich selber nicht sicher war und lieber nachgefragt hat bevor sie falsche Informationen zurückschreibt.

Eine weitere Komponente des von uns inzwischen getauften “Bioinformatik-Bachelor-Chaos’” ist die fehlende Kooperation zwischen den Fakultäten. Der Bioinformatik-Studiengang verteilt sich auf die Fakultäten für Informatik, Biologie und Chemie. Das erfordert natürlich, dass die organisatorischen Organe der Fakultäten sich untereinander absprechen. Leider ist das aus einem nicht auffindbaren Grund offensichtlich nicht möglich. Das äußerte sich beispielsweise darin, dass die Studienkommission der Informatik beschlossen hat, dass die Prüfungsordnung geändert wird, so dass alle Dozenten zu Beginn des Semesters verbindlich Prüfungstermine bekanntgeben müssen. Leider haben die Chemie-Professoren davon nie etwas mitbekommen. Es hat sich dann wieder wochenlang hingezogen bis endlich ein Konsens gefunden war und wir zumindest grob eine Terminvorstellung bekamen. Die Kooperation zwischen den Fakultäten ist aber ein dauerhaftes Problem. So wissen viele Dozenten immer noch nicht, wie sie die Zahl der Lernpunkte festlegen, die sie für ihre Veranstaltung angeben müssen. Das Interesse solche Dinge in Erfahrung zu bringen sucht man an diesen Stellen leider auch vergeblich.

Auch zu Beginn des dritten Semesters griff die Organisation wieder einmal in den Topf mit der Verwirrung und verteilte an alle eine ordentliche Portion: Früher gab es im Bioinformatik-Studium eine Veranstaltung “ZMG”, die Vorlesungen und Praktika zu Zellbiologie, Mikrobiologie und Genetik beinhaltet. Diese sollte es fortan nicht mehr geben, sondern stattdessen einzelne Module für die drei Fachgebiete. Diese Information hat sich leider wieder so garnicht an die Stellen weiterverbreitet, die das hätten wissen müssen. Auf unserem Anmeldebogen für die Veranstaltungen des Wintersemesters (das Online-System existiert natürlich immernoch nicht) steht in der Spalte “Modul” an vielen Stellen immernoch ZMG. Das zugehörige Zellbiologie-Praktikum findet für die Bioinformatiker jedoch nicht statt. Es gab für diesen Anmeldebogen noch weitere Probleme, die wieder nur durch Nachfrage beim Prüfungssekretariat aufgeklärt werden konnten.

Das letzte Problem, das zum Zeitpunkt, zu dem dieser Text verfasst wurde, die Bioinformatiker beschäftigt hat, war das Praktikum zur physikalischen Chemie. Der Anmeldezeitraum war für Mitte Dezember ausgeschrieben und plötzlich hieß es, dass der letzte Tag der Anmeldefrist sei, nur war es da noch November. Die Sekretärin, die die Anmeldungen entgegennehmen sollte, wusste garnichts von der Anmeldefrist und war völlig überrascht, als einige Bioinformatiker in ihrem Büro auftauchten. Nach einigen Absprachen haben sich dann prophylaktisch mal alle angemeldet. Ob das wirklich geklappt hat, wird sich wohl erst zu Beginn des Praktikums zeigen, für dessen zwei Versuchstage ein möglicher Zeitraum von drei Wochen angegeben wurde. Auf diese Weise wurden auch wieder alle Chancen auf Planungssicherheit in der vorlesungsfreien Zeit zunichte gemacht.

Mit dem Institut für physikalische und theoretische Chemie gibt es aber noch deutlich mehr Probleme: Die Vorlesung zur physikalischen Chemie soll mit zwei Klausuren geprüft werden. Eine kurz vor Weihnachten und die zweite kurz vor Ende des Semesters. Zwei Wochen vor der ersten Klausur sickerte langsam in der Studentenschaft die Information durch, dass die Informatiker mit den Chemikern abgesprochen hatten, dass die Bioinformatiker an den Übungsgruppen teilnehmen sollten. Damit wäre die Pflicht einhergegangen Übungsblätter zu lösen, was zu einer ganz anderen Prüfungsvorbereitung geführt hätte, die Pharmazeuten und Geowissenschaftler, die die Klausur ebenfalls schreiben müssen, bekommen haben. Wieder wurde das Informatik-Institut auf den Plan gerufen und letztendlich hieß es, dass es eine extra Klausur für Bioinformatiker geben wird, die ohne Kenntnis der in den Übungsgruppen behandelten Themen zu lösen ist. Diese Klausur fand inzwischen statt, war nach einem Tag korrigiert und das Ergebnis ist unglaublich: Kein einziger Bioinformatiker hat die nötigen 50% erreicht. Davon abgesehen, dass das ein völlig untragbarer Zustand ist, hat niemand die Chance durch die zweite Klausur dies wieder auszugleichen, da der Termin für diese sich mit einem weiteren Pflichttermin, dem Praktikum zur Mikrobiologie, überschneidet. Darauf wurde von der Studentenschaft bereits bei Bekanntgabe der Termine hingewiesen, jedoch hat sich rein garnichts geändert.

Wenn wir für dieses Chaos 500 Euro pro Semester auf den Tisch legen sollen, dann müsste sich die Organisation deutlich verbessern. Professionelle Hilfe für die Fakultäten zur Aufstellung eines vollständigen Konzeptes für den neuen Studiengang wäre ein erster Anfang, denn man hat als Student das Gefühl, dass man absolut zum Versuchskaninchen degradiert wird. Immer wenn eine Beschwerde unsererseits kommt, wird am nicht vorhandenen Konzept gefeilt. Weiterhin müsste definitiv ein Mittel gefunden werden, um den Dialog zwischen den unterschiedlichen Disziplinen in Gang zu bringen, damit diese gemeinsam an den Lösungen für ein durchdachtes Studienkonzept arbeiten können.




4 Kommentare zu 'Studium in Absurdistan'

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  1. Ingo schrieb am 14.02.2007 um 20:36 Uhr

    Gräßlicher Text, klingt wie aus dem Deutsch-Grundkurs in der Oberstufe. Damit verspielt der Text wahrscheinlich die Möglichkeit auf den offenkundigen Missstand aufmerksam zu machen. Schade.

  2. Till Helge schrieb am 14.02.2007 um 20:38 Uhr

    Ich hätte dir ja angeboten, dass du ihn überarbeitest, aber wenn du zu feige bist, ne korrekte eMail-Adresse anzugeben, kann ich das natürlich nicht tun. Kritik ist ja schön und gut, aber konstruktiv wäre eine wünschenswerte Eigenschaft.

  3. [...] vom Diplomstudium auf Bachelor- und Master-Studium entstanden, berichtet etwa der Beitrag „Studium in Absurdistan“ des bioinfoblog, die Vorteile des neuen Systems hingegen lobt der Blog von web-dreamer.de unter [...]

  4. Cookie_J schrieb am 11.04.2008 um 08:07 Uhr

    I agree with everybody else: awesome story.! Much food for thought… It really made my day. Thank you.

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